Iaido entwickelte sich in einer gesellschaftlichen Umbruchzeit. Der Samurai als Hüter und Vorbild der geltenden Ordnung wurde entmachtet. Andere bürgerliche und wirtschaftliche Entwicklung wurden zum Leitbild der Gesellschaft. Viele der damals gültigen Vorstellungen, Werte und Grundlagen haben sich im Iaido und in der japanischen Budowelt erhalten.
Die unmittelbare Auswirkung einer Schwertbewegung entspricht der Zenlehre. Ein Schwertkampf hat wenig Raum für Überlegung, sondern verlangt schnelle und endgültige Entscheidung. Zen ist: Praxis statt Theorie, Nonkonformismus, Wachheit statt Angepasstheit.
Die Ausbildung eines Samurai war sehr streng. Wie auch im Schwertkampf, in dem nicht lamentiert werden kann, herrschten im Umfeld der Samurai strikte Regeln. Ein System gegenseitiger Abhängigkeit mit Ein- wie Unterordnung entspricht dem Konfuzianismus. Er durchdringt alle Beziehungen, gesellschaftliche wie persönliche.
Auch im Dojo (Übungshalle) wurde und wird strikte bis restriktive Ordnung eingehalten. Das wirkt in der modernen Welt etwas rückständig. Es hat allerdings Sinn, solange es nicht persönlich mißbraucht wird. Sicherheit beim Üben etwa entsteht nur, wenn die Anordnungen des Lehrers eingehalten werden.
Der Shintoismus ist ein Naturglaube der Menschen. Lange Zeit war er japanische Staatsreligon. Shinto wie auch die Lehre des Konfuzius wurde für Einflussnahme und Machterhalt der Herrschenden mißbraucht. Die Naturidee des Shinto ergibt vielleicht einen romantischen Hintergrund des eigenen Verhaltens. Auf Iaido übertragen finden sich in der Bewegungslehre Bezüge. Es wird Einklang mit natürlicher Bewegung und Gesetzen des Wandels und der Erneuerung, Reinheit verlangt. Harmonie mit dem Absoluten ergibt sich in Verbindung von Notwendigkeit, Anforderung und Erfüllung dessen.
Das wahre Gesicht von Budo, Schwertkampf und Iaido ist verfälscht.
Hollywood zeigt Kampfkunst etwa als spannende Akrobatik. Geschichten
unbesiegbarer Samurai werden verbreitet. Das ist plakativ und zu einfach.
Geschäftstüchtige Buch-Autoren (zum Beispiel in die Richtung: »Samurai für
Manager«) wollen die alte Vorstellungen ummünzen und vermarkten. (Teure)
Esotherik-Seminare vermitteln nutzlos japanische Kriegskunst-Philosophie.
Iaido bestätigt Tugenden, die durch Training erfahren werden können: z.B. Einfachheit, Gradlinigkeit und Entschlossenheit. Diese Eigenschaften erlernen und erkunden zu wollen, ist Motivation für die Übung.
Man kann einige Fortschritte in Schwerttechnik und Bewegung machen, ohne sich in den genannten Eigenschaften zu verbessern. Geht die Entwicklung von Technik und Geist zu sehr auseinander, verliert sich das Interesse am Training. Das Üben wird zur oberflächlichen Körperertüchtigung. Schneller, häufiger, besinnungsloser sind Attribute sportlicher Betätigung, nicht Do (Budo kann Sport sein, aber Sport kein Budo). Törichte, gradgenaue Regeln und Vorschriften entstehen und ersetzen als Überbau eine echte innere Auseinandersetzung mit dem Gehalt der Übung. Buchstabengetreue Ausführung der Bewegungen verbaut die eigene innere Auseinandersetzung und somit den Blick auf den Do.
Die Beherrschung des Katanas und den Techniken ist der sichtbare Teil des Iaido. Der unsichtbare Teil, die geistige Ausbildung, ist weitaus wichtiger. Hier findet sich die tiefgehende Seele des Iai. Es ist die Quelle dessen, warum Iaido (und Budo) auch heute noch ausgeübt wird und sich weiter entwickelt.
Es gibt viele Interpretationen und Vorstellungen über die alte
Samurai-Zeit. Heutige Iaido-Übung schenkt diesen keine Beachtung.
Iaido versucht nicht, den Menschen zu beeinflussen. Ganz im Gegenteil
erzielt Iaido eigen gefundene Reflexion und Wahrhaftigkeit.